Nr. 22, 02.06.2005
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Lehrer

Leistungsfeindliches Dienstrecht

Kaum eine Berufsgruppe erfährt in Deutschland so viel öffentliche Kritik wie Lehrer: Hohes Gehalt, unkündbarer Beamtenjob und 14 unterrichtsfreie Wochen im Jahr stehen in Widerspruch zu den Leistungsdefiziten der Schüler. Die mangelnde Effizienz des Schulsystems wird zum einen genährt durch die fehlende Transparenz von Leistung und Verantwortung – wozu auch der unflexible Beamtenstatus beiträgt. Zum anderen behindert die staatliche Überregulierung des Unterrichts Leistung, Kreativität, unternehmerische Initiative und Innovationsbereitschaft des Lehrpersonals. Das zeigt der Vergleich mit anderen Ländern.

iwd – Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Den Schulen in Deutschland steht in Bälde ein gewaltiger Generationswechsel ins Haus: Bis zum Jahr 2015 wird fast jeder zweite hauptberufliche Lehrer pensioniert. Auch in den anderen OECD-Ländern wechseln in den kommenden Jahren viele Lehrer aufs Altenteil.

Die Industrieländerorgansation hat dies zum Anlass genommen, die Bedingungen des Lehrerberufs in den einzelnen Staaten zu untersuchen. Auf den ersten Blick gibt es dabei einige Gemeinsamkeiten (Tabelle):

• Unterrichtsbedingungen. In Bezug auf die Schüler-Lehrer-Relation und die Klassengröße haben die Lehrer hierzulande weitgehend die gleichen Arbeitsbedingungen wie ihre Kollegen in anderen Ländern der OECD. So nehmen in der Grundschule im Mittel 22,2 Schüler an einer Unterrichtsstunde teil, im OECD-Durchschnitt sind es 21,9. In den weiterführenden Schulen sind die Klassen in Deutschland mit 24,6 Schülern um einen Kopf größer als im OECD-Schnitt.

• Unterrichts- und Arbeitszeit. Die Zeit, die deutsche Lehrer der Sekundarstufe I – also der Klassen fünf bis zehn – unterrichten, liegt mit 735 Stunden pro Jahr nur um 18 Stunden höher als im OECD-Durchschnitt. Und auch in puncto gesamte Jahresarbeitszeit können sich die Pädagogen hierzulande mit 1.708 Stunden nicht beklagen (OECD: 1.701 Stunden). Allerdings zählt Deutschland zu jener kleinen Gruppe von Staaten, in der für die Berechnung der gesamten Arbeitszeit nur das Wochenstundendeputat zugrunde gelegt wird. Wie viele Stunden die Lehrer tatsächlich arbeiten, kann niemand sagen, denn – anders als in einigen anderen Ländern – besteht außerhalb des Unterrichts keine Präsenzpflicht in der Schule.

Doch damit hört es mit den Gemeinsamkeiten auf. Die Bezahlung der deutschen Pädagogen liegt um rund 40 Prozent über dem Schnitt der Industrieländer. Auch andere Rahmenbedingungen sind für ein innovatives Schulsystem und damit einen motivierten Unterricht zudem alles andere als förderlich:

• Bürokratische Einstellungspraxis. Die Anstellung erfolgt in Deutschland überwiegend über eine Bewerberliste. Die Entscheidung über die in Frage kommenden Kandidaten trifft das Schulamt. Zwar gibt es in den meisten Bundesländern auch offene Einstellungsverfahren, bei denen ein Teil der Stellen auf das Profil einer bestimmten Schule hin ausgeschrieben und die jeweilige Schule bei der Auswahl der Lehrkraft beteiligt wird. Insgesamt spielt diese Art von Rekrutierung jedoch eine untergeordnete Rolle. Zudem hat die Schulbehörde das letzte Wort. Im Ausland läuft es ganz anders:
In zwei von drei OECD-Ländern entscheiden die Schulen selbstständig, wen sie einstellen bzw. entlassen.

Die Lehrer sind daher auch meist Angestellte der lokalen oder regionalen Schulbehörde (Dänemark, Finnland, Schweden, Schweiz, USA, Vereinigtes Königreich) oder der einzelnen Schule (Italien, Niederlande) – und nicht wie in Deutschland des Staates bzw. der Bundesländer.

• Überholter Beamtenstatus. Lehrer an öffentlichen Schulen sind hierzulande überwiegend als Berufsbeamte beschäftigt: In Westdeutschland genießen gut neun von zehn Lehrern das Privileg der Unkündbarkeit, in Ostdeutschland gilt dies für zwei von zehn Pädagogen – Tendenz steigend. Aber auch Lehrer im Angestelltenverhältnis sind nach 15 Dienstjahren unkündbar, sofern sie das Mindestalter von 40 Jahren erreicht haben.
In der Europäischen Union ist dagegen der Beamtenstatus auf Lebenszeit für Lehrer eher die Ausnahme.

Lediglich in Griechenland, Spanien, Frankreich, Österreich und Portugal gehört ein Teil der Lehrer noch zu den verbeamteten Staatsdienern. In Finnland und Island unterliegen Lehrer zwar dem Beamtenrecht – aber auch dort können sie etwa aus wirtschaftlichen Gründen entlassen werden. Dänemark, Italien und die Schweiz haben den Beamtenstatus für Lehrer in der jüngsten Vergangenheit abgeschafft.

Angesichts des exklusiven Arbeitsplatzstatus ist es wenig verwunderlich, dass die deutsche Lehrerschaft vergreist. An den Grundschulen zählen 45 Prozent der Lehrer mehr als 50 Lenze – OECD-weit dagegen nur ein Viertel. In der Sekundarstufe I zählt sogar jeder zweite Pädagoge zu den über Fünfzigjährigen (OECD: 29 Prozent), in der gymnasialen Oberstufe sind es noch 37 Prozent (OECD: 32 Prozent).

• Programmierte Laufbahn. Als Berufsbeamte gehören Lehrer dem gehobenen und höheren Dienst an. Innerhalb ihrer Besoldungsgruppe werden sie automatisch mit zunehmendem Alter besser entlohnt. Außer in Deutschland gilt dies nur noch in Island, Italien, Österreich, Tschechien und Ungarn.

Was Aufstiegschancen angeht, schauen Lehrer dagegen in der Regel in die Röhre. An Grundschulen, Sonderschulen, Hauptschulen und Realschulen haben Pädagogen so gut wie keine Beförderungschancen – es sei denn, sie übernehmen Leitungsfunktionen. Gymnasial- und Berufsschullehrer können bei zufrieden stellender Leistung zum Oberstudienrat befördert werden. Dies erfolgt nach mehreren Dienstjahren automatisch und ist bisher kaum mit der Übernahme neuer Pflichten verbunden.

Baden-Württemberg hat im Jahr 2002 begonnen, probeweise 30 Prozent der Beförderungsstellen zum Oberstudienrat für besondere Aufgaben zu vergeben. Hamburg plant sogar, künftig sämtliche Beförderungsstellen auszuschreiben. 

• Geringe Mobilität. Nur rund 5 Prozent der Lehrer in Deutschland haben im Schuljahr 2002 ihre Stelle gewechselt – und unterichten nun in einer anderen Schule im gleichen oder in einem anderen Bundesland. Äußerst selten zieht es Lehrer von der Schule in ein Unternehmen oder sie wagen gar den Sprung in die berufliche Selbstständigkeit oder umgekehrt. Neue Ideen finden über diese Schiene kaum in die Schulen. Die OECD-Experten führen die geringe Mobilität auf die hohe Arbeitsplatzsicherheit und die gute Altersversorgung zurück.

• Unattraktives Schulmanagement. Die Besetzung einer Schulleiterstelle ist in Deutschland zwar an ein Begutachtungsverfahren gebunden – eine spezielle Ausbildung zum Beispiel in Fragen des Schulmanagements müssen die Direktoren in spe aber nicht nachweisen. Das erklärt ansatzweise, weshalb die meisten Schulleiter laut OECD-Bericht keine Strategien zur Qualitätsverbesserung ihrer Schule sowie zur Steigerung der Arbeitseffizienz ihres Kollegiums verfolgen.

Der Job des Direktors ist für Lehrer auch kein erstrebenswertes Ziel. Zum einen wird die zeitaufwendige Tätigkeit kaum besser entlohnt, zum anderen können die Lehrerkollegien über die Schulkonferenz in puncto Schulleitung mitreden, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.

• Kaum Leistungsanreize. Die deutschen Lehrergehälter sind international zwar spitze, sie werden allerdings nicht an individuelle Unterrichts- bzw. andere Leistungen geknüpft. Die Besoldung konzentriert sich auf das Gehalt – und dieses wiederum ausschließlich an Einstiegsqualifikation, Alter und Familienstand. Für zusätzlich übernommene Verantwortung gibt es kaum was extra.

Das sieht außerhalb der Bundesrepublik ganz anders aus (Grafik):
In 15 Industrieländern werden z.B. Boni für besondere Aktivitäten wie die Leitung von Sportgruppen gezahlt.

Mancherorts sind auch Sanktionen für Lehrer möglich, die ihren Job nicht zufrieden stellend oder gar schlecht erledigen. Und in den meisten der von der OECD begutachteten Länder können Fehlverhalten und sogar schlechte Leistung zur Entlassung eines Lehrers führen. Immerhin besteht in Deutschland seit der Dienstrechtsreform 1997 – zumindest rechtlich gesehen – die Möglichkeit, eine Höherstufung an Leistungskriterien zu knüpfen. So können Lehrer, die eine herausragende Arbeit machen, schneller innerhalb ihrer Gehaltsgruppe aufsteigen. Doch nur wenige Länder – wie etwa Bayern – machen davon Gebrauch. Neue Impulse für eine leistungsorientierte Bezahlung sind immerhin vom geplanten Strukturreformgesetz zu erwarten.

• Kein Fortbildungscontrolling. Als Beamte haben deutsche Lehrer eine Fortbildungspflicht. Laut OECD beteiligten sich in Deutschland in den Monaten März bis Mai 2000 – also kurz vor der Durchführung des ersten PISA-Tests – rund 26 Prozent der Lehrer an Fortbildungsmaßnahmen. Im Mittel der OECD-Länder absolvierten im gleichen Zeitraum 42 Prozent der Lehrer eine Weiterbildung – ein deutlicher Hinweis darauf, dass es hierzulande an einer systematischen Personalentwicklung und einem effektiven Fortbildungscontrolling mangelt.

 


[ © Institur der deutschen wirtschaft Köln, 02.06.2005 ]
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Verantwortlich: R. OpitzJ. Theis – Erstausgabe: 02.06.2005 – Letzte Änderung: 03.06.2005, 11:03 Uhr