GGG Kongress Lübeck

24. Mai 2001

 

‘Leistung gegen den Trend – eine solidarische Schule’

 

‘System Approach’ – Systematische Herangehensweise

Raising Achievement for All – Leistungssteigerung für jeden

Michael O’Neill, Direktor für Bildung, North Lanarkshire, Schottland

Einleitung

North Lanarkshire befindet sich im industriellen Herzen Schottlands zwischen Glasgow und Edinburgh. Es ist die drittgrösste Bildungsbehörde in Schottland, die ungefähr 60,000 Schüler in 130 Grundschulen, 26 Sekundar- oder weiterführende Schulen und 11 Spezialschulen betreut. Desweiteren bieten 82 Kindereinrichtungen und 38 Kinderbetreuungspartnerschaften Vorschulausbildung an. Die Bildungs-abteilung stellt eine Reihe von unterstützenden Dienstleistungen bereit, einschliesslich des psychologischen Dienstes, der Unterstützung des Lernens, des Bildungsressourcen- oder Lernmitteldienstes, des Ausser-Haus-Bildungsdienstes, des Qualitätsentwicklungsdienstes und des technischen Dienstes.

North Lanarkshire, als eine geografische und verwaltungspolitische Einheit, wurde im April 1996 ins Leben gerufen, als die damaligen neun Regionalverwaltungseinheiten in Schottland zu 33 gleichrangigen Behörden umstrukturiert wurden. Das gesamte Gebiet hatte stark unter Jahrzehnten von industriellem Verfall gelitten und war, sozial und wirtschaftlich gesehen, das am zweitstärksten unterprivilegierte oder benachteiligte Gebiet Schottlands. Wie auch in anderen unterprivilegierten Gebieten lag das Bildungsniveau der Schüler in North Lanarkshire weit unter dem Landesdurchschnitt. Es war klar, dass die Bildungsabteilung einen Weg finden musste, um die Verkettung von Benachteiligung und Minderleistung zu brechen. ‘Raising Achievement for All’ - also ‘Leistungssteigerung für jeden’ - ist die daraus resultierende bildungspolitische Grundlage und Aktionsstrategie.

Die Verkettung von Benachteiligung und Minderleistung

Die Faktoren, die zur Minderleistung in benachteiligten Gebieten beitragen, sind komplex und schwer zu bewältigen. Charakteristisch zeugen Gebiete mit hoher Arbeitslosigkeit von einer gewissen Hoffnungslosigkeit für die Zukunft, was wiederum in niedrigem Leistungsbestreben resultiert. Die Schüler können durchaus aus Familien kommen, in denen weder die Eltern noch die Grosseltern gearbeitet haben. Stressfaktoren zu Hause und in der unmittelbaren Nachbarschaft können zu schlechter Anwesenheit führen. Unter diesen Umständen sind niedrige Selbstachtung, niedriges Selbstbewusstsein und ein niedriges Niveau von Motivation fast unvermeidlich. Eine Abneigung zur Schule and all dem, was sie repräsentiert, kann auftreten und durch ‘peer group pressure’, also den Druck, den Vergleichs-personen ausüben, noch verstärkt werden. Eine durch Armut geprägte Diät und eine schwache Gesundheit beeinflussen die Lernkapazität und die direkte Umgebung kann das Lernen noch erschweren.

Es wurde deutlich, insbesondere unter Beachtung der Forschungsergebnisse in bezug auf wie Lernen stattfindet, dass der Glaube an einen selbst, Motivation und Bestreben von kritischer Bedeutung waren und angesprochen werden müssen, wenn die Verkettung von Benachteiligung und Minderleistung gebrochen werden soll.

Die Schlüsselthemen zur ‘Leistungssteigerung für jeden’

Auf nationaler Ebene liegt der Schwerpunkt nach wie vor darauf weitere Qualifikationen zu erreichen, d.h. auf dem traditionellen Indikator akademischer Erfolge/schulischer Leistungen. Jedoch die Forschung in bezug auf Lernen und Lehren deutet darauf hin, dass der Schwerpunkt auf ‘more of the same’ oder ‘mehr desgleichen’ – also traditionell akademisches, klassenzimmerbezogenes Lernen - wenig Nutzen bringen würde. Das Konzept ‘vielfältiger Intelligenz’ oder von ‘multiple intelligences’ hat das Konzept der generellen, feststehenden, ererbten und messbaren Intelligenz ersetzt. Dieses Konzept hatte einen starken Einfluss auf die Herangehensweise in dieser Bildungspolitik. Damit verbunden ist die Bedeutung dessen, die breite Palette von Talenten und Neigungen zu erkennen und zu pflegen, sodass alle jungen Menschen dabei unterstützt werden können, Erfolge zu erleben.

Die Entwicklung der ‘ganzen Person’ ist ein Thema, das sich durch die gesamte Strategie zieht. Weniger darauf gerichtet, die ‘Ligatabellen’ der Schulergebnisse voranzutreiben, zielt die Bildungspolitik auf die Entwicklung der Schüler zu vielseitigen, enthusiastischen, selbstmotivierten und erfolgreichen Lernenden auf allen Fähigkeitsniveaus. Berücksichtigend, dass manche Gruppen erfolgreicher sind als andere, enthält die Strategie eine positive aktionsorientierte Herangehensweise, die die Ressourcen in jene Gruppen lenkt, die der Unterstützung am meisten bedürfen.

Howard Gardner’s Worte geben eine geeignete Zusammenfassung der Ideen, die sich in North Lanarkshire’s Herangehensweise niederschlagen:

‘Es ist Zeit unsere Auffassung des Spektrums der Talente zu erweitern. Wir sollten weniger Zeit damit verbringen, Kinder einzustufen, und mehr Zeit damit ihnen zu helfen ihre natürlichen Kompetenzen und Gaben zu identifizieren und diese zu pflegen. Es gibt hunderte und aberhunderte Wege zum Erfolg und viele verschiedene Fähigkeiten, die dorthin führen.’

 

Die Strategie zur ‘Leistungssteigerung für jeden’

Die Bildungspolitik, das Resultat eines langen Prozesses der Diskussion und Konsultation, basiert auf einer Reihe von Denkweisen, die für eine umfassende Ausbildung ausschlaggebend sind. Obenauf steht die Ansicht, dass jeder das Recht zum Erfolg hat sowie das Recht gemäss der Bedürfnisse unterstützt zu werden, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Fähigkeit oder sozialler Klasse. Der zentrale Schwerpunkt der Strategie liegt weiterhin auf der Verbesserung der Qualität des Lernens und Lehrens; dabei das neue Wissen über die Arbeitsweise des Gehirns in Betracht ziehend. Von Anfang an wurden eine Reihe von Initiativen entwickelt, die die Philosophie von ‘Leistungssteigerung für jeden’ geprägt haben: gezielter Ressourceneinsatz, Intervention oder Einschreiten in kritischen Stadien der Entwicklung des Lernenden und das Feiern von Erfolgen.

Es war wichtig, klare Zielstellungen für die Schulen zu finden, die sowohl die nationale/landesweite Tagesordnung als auch die Strategie von North Lanarkshire abdecken. Das Ergebnis ist eine Serie von ‘Verpflichtungen’ für Schulen und Zentren, in denen Ziele für Einsatz/Input, Erfahrungen und Ergebnisse festgelegt sind. ‘Input’-Ziele bestimmen die zusätzlichen Ressourcen, die die Behörde den Schulen zur Unterstützung der Leistungssteigerung zur Verfügung stellt. Erfahrungsorientierte Ziele (z.B. die Chance an einer öffentlichen Aufführung teilzunehmen) sind als Richtlinien für die Schulen dargelegt, um die Entwicklung der ‘ganzen Person’ der Schüler zu garantieren. Ergebnissorientierte Ziele bestehen aus landesweiten Zielen, die sich sowohl auf das Kenntnissniveau beziehen als auch auf einige schwieriger zu quantifizierende, ‘weiche’ Ergebnisse, bezogen auf Selbstbewusstsein usw.

Behördenübergreifende Initiativen

Seit die Behörde ins Leben gerufen wurde, sind eine Reihe von zentralorganisierten Initiativen unter dem Banner von ‘Aiming Higher’ also ‘Höher zielen’ entwickelt worden. Diese beinhalten mehrere Initiativen für Sport, Kunst und Musik, alle darauf gerichtet, den jungen Menschen ein weites Spektrum von Möglichkeiten zu bieten, ihre Talente zu entwickeln und Erfolge zu erleben. Im April 2000 präsentierten 500 junge Leute ein hervorragendes Jahrtausendkonzert in Glasgow’s Royal Concert Hall. Der ‘New Opportunities Fund’ oder ‘Fonds der neuen Möglichkeiten’ , verbunden mit der Landeslotterie, unterstützt derzeit ein umfangreiches Programm von ausserschulischen Lernmöglichkeiten für Sport, Musik und die Künste.

Unser Programm des frühzeitigen Einschreitens oder ‘Early Intervention’ zielt auf die Entwicklung der Lesefähigkeiten in den ersten zwei Jahren der Grundschule und ist äusserst erfolgreich. Wie auch andere Projekte wurde dieses Projekt zuerst in stark benachteiligten Gebieten getestet und ist ein Beispiel, wie bestimmte ‘kritische Stadien’ des Lernens und der Entwicklung gehandhabt werden können. Andere Beispiele sind Lernunterstützungsprogramme in Grund- und Sekundarschulen; Sommerschulprogramme, die auf den Übergang von der Grund- zur Sekundarschule gerichtet sind; unser ‘Aiming Higher with Outward Bound’ Programm, das 1000 15-jährigen jungen Leuten die Chance gab, ein einwöchiges Programm zur persönlichen Entwicklung im Nordwesten Schottlands zu erleben; Osterschulen für ältere Schüler und das ‘GOALS’ (Ziel-)Programm, ein umfangreiches Einstiegsprogramm in Zusammenarbeit mit den Universitäten.

Ein besonderer Schwerpunkt wurde auf die Aufzeigung und das Feiern von Erfolgen gelegt, sowohl für Schüler als auch für Lehrer. Der Katalog mit dem Titel ‘Spotlight on Success’ oder ‘Scheinwerfer auf den Erfolg’ (jährlich zusammengestellt) hebt Schulprojekte hervor, die zur Leistungssteigerung beitrugen. Am Anfang diesen Monats führten wir unsere erste Auszeichnungszeremonie für Lehrer, die mit dem Spotlight-Projekt verbunden waren, durch.

 

In welcher Beziehung steht ‘Leistungssteigerung für jeden’ zur landesweiten Tagesordnung

Mit Gewissheit war die landesweite Tagesordnung in der Vergangenheit sehr stark mit dem eng-betrachteten Schwerpunkt auf Kenntnisse/Lernergebnisse verbunden, ganz besonders mit solchen Kriterien, die mit landesweiten Vorgaben einfach quantifizierbar waren. Dies übt unausweichlich Druck auf die Schulen aus insofern, dass Kriterien und Prozentsätze für bestandene Prüfungen erfüllt werden müssen; dies wiederum kann zu Problemen führen, wenn es darum geht die Tagesordnung von ‘Leistungssteigerung für jeden’ abzuarbeiten. Jedoch die neuesten Denk- und Herangehensweisen der Regierung scheinen sich in Richtung von North Lanarkshire’s Praxis zu bewegen, indem sie eine Bildungspolitik fördern, die auf die ‘ganze Person’ ausgerichtet ist. Ob sich die Richtlinien zum Lehrplan und die Überprüfungs- und Bewertungsmethoden dementsprechend ändern muss abgewartet werden.

Ich möchte mit einigen Bemerkungen von Schülern abschliessen, die das ‘Outward Bound’ Programm miterlebt haben. Das Ziel des Programms ist es die Schüler herauszufordern, sich über das hinauszudrängen, was sie glauben, erreichen zu können und ihnen zu helfen, diesen Erfolg zu erkennen und darauf aufzubauen. Für beide Schüler hat das Erlebnis offensichtlich zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins und des Glaubens an sich selbst geführt. Der erste Schüler oder die erste Schülerin zeigt, dass er oder sie in der Lage war, den Effekt auf die Schularbeit zu übertragen. Der zweite Schüler allerdings war nicht so erfolgreich. Ich würde vorschlagen, dass diese Bemerkungen zwei Punkte demonstrieren: sowohl das Potential von ‘Leistungssteigerung für jeden’ indem es Schüler unterstützt, aus der nach unten gerichteten Spriale, in der sie sich befinden, herauszubrechen als auch die Notwendigkeit, neue Wege zu finden, dies zu gewährleisten.

‘Meine Zensuren in Englisch und Französisch haben sich verbessert. Die Sprechaufgaben und das, ich war bei so etwas nie gut. Und auch vor der Klasse zu sprechen. Meine Vorträge und das, ich bestehe sie jetzt, bekomme gute Zensuren und so. Ich wusste, als ich dort war und als ich zurückkam, dass ich es jetzt schaffen kann. Ich habe immer gedacht, dass es zu schrecklich ist und so, aber jetzt nicht mehr, weil ich weiss, dass ich es kann.’

‘Ausnahmsweise haben die Leute gedacht, dass ich clever bin … die dachten, dass ich ganz klug oder so war … und ich dachte ‘yeah’ ich bin ausnahmsweise mal klug … und dann kam ich zurück in die Schule mit einem Knall … doof … Blödmann.’

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